Griechenland ist fast bankrott. Eh klar, alle faul und korrupt. Man kennt ja die üblichen Vorurteile. Spanien, Portugal, Italien, Frankreich und Irland sind übrigens auch fast bankrott.

Ja da passen die Vorurteile auch fast perfekt, sind die meisten ja südeuropäische Länder, oder zumindest am Mittelmeer gelegen. Und die Iren? Hmmm, naja, der Whiskey vermutlich...
Kann es aber sein, dass die Begründung der Finanzkrise in Griechenland nicht unbedingt primär was mit Faulheit und Korruption zu tun hat, sondern auch etwas mit der weltweiten Wirtschaftskrise, und der Art und Weise, wie die "Großen" Geschäfte machen?

Krise in Griechenland

Focus Titelblatt AphroditeWir haben es nicht leicht in der Euro-Zone. Wenn ein Mitglied – aus welchen Gründen auch immer – ins Straucheln gerät, dann sind alle gefordert. Das ist halt so, wenn man ein und die selbe Währung verwendet. Das schwächste Glied in der Kette bestimmt die Tragkraft der gesamten Kette, aber andererseits ist die Kette insgesamt ein Vielfaches länger als die einzelnen Glieder aus denen die Kette gemacht ist.

Gut, Griechenland hat Europa mit falschen Zahlen in die Irre geleitet. Falsch, es war nicht Griechenland, es waren ein paar korrupte Menschen, die in Griechenland das Sagen hatten. Ob diese korrupten Menschen Mitglieder der griechischen Regierung sind/waren, oder einfach nur die Fäden gezogen haben, weiß hier in Mitteleuropa vermutlich keiner so genau. Ist ja eigentlich auch egal.

Tatsache ist aber, dass wir alle im Euro-Boot gefangen sind. Und dass wir nicht nur die Vorteile der gemeinsamen Währung auskosten dürfen, sondern halt auch in Notzeiten dann zusammenhalten müssen. In guten wie in schlechten Tagen…

Aber man müsste sich doch nicht noch selber das Leben schwerer machen, als es die Umstände ohnehin schon erzwingen. Sollte man meinen.

Krise in ganz Europa

Athènes - Plaka - 19-03-2007 - 7h37Wir wissen also, dass neben Griechenland auch andere Länder massive Probleme mit der Staatsverschuldung haben, und wir wissen auch *alle*, dass wir langfristig nur gemeinsam als *ein* Europa eine Chance haben werden. Populistisches Gequatsche a la “Ausländer raus” ist vollkommen daneben, weil ja diese Ausländer eh schon im Ausland sind, also die Griechen in Griechenland, die Italiener in Italien, die Farnzosen in Frankreich, usw. usw. usw. Es ist nun mal Europa eine Aneinanderreihung von Ausländern. Und gemeinsam als *ein* Wirtschaftsraum müssen wir gegen andere Wirtschaftsräume bestehen, um unser gutes Überleben im Wohlstand auf Dauer sichern zu können.

Jaaa, in dieser Staatengemeinschaft sind mache größer als andere, andere sind kleiner als andere. Manche haben höhere Wirtschaftskraft als andere, andere haben geringere Wirtschaftskraft als andere. Was aber bleibt ist, dass wir letztendlich miteinander auskommen müssen, auch wenn sich manche besser fühlen als andere. Der unten verlinkte Artikel “Deutschland hat die anderen zu Bettlern gemacht” fasst recht schön zusammen, warum sich manche nicht recht gemeinschaftlich in der Gemeinschaft verhalten, und dabei auch noch der Meinung sind, dass sie besser sind als die anderen.

Und zu allem Überdruss hat dann ein Nachrichtenmagazin in der aktuellen Situation nichts besseres zu tun, als Griechenland recht derb auf die Schaufel zu nehmen, mit dem Finger auf alle Griechen zu zeigen, und zu behaupten, Griechenland wäre alleine schuld an allem. Gemeint ist Focus, mit dem oben gezeigten Titelblatt zum “Betrüger in der Euro-Familie”. Gezeigt wird hier die Venus von Milo, die ja eigentlich nicht die römische Venus sondern die griechische Aphrodite ist, mit erhobenen Mittelfinger.

Es wird also ein Land auf die Schaufel genommen, das gerade sowieso schwere Zeiten durchmacht: Höhere Steuern auf die ohnehin schon niedrigen Einkommen die auch noch weiter gekürzt werden sollen. Dazu in einer Art, die doch eine deutlich erkennbare Verhöhnung der Jahrtausende alten Kultur Griechenlands ist. Man muss wahrlich kein Prophet sein, um erkennen zu können, dass das nicht recht schlau ist.

black_midget_hitlerUnd tatsächlich, der griechische Volkszorn ist entfacht. Es wird schon gefordert deutsche Waren zu boykottieren. Und wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen: In Zeiten des Nationalsozialismus sollen die Deutschen viele Schätze aus Griechenland entführt haben, Geld also, das man jetzt gut gebrauchen könnte, um Staatsschulden zu begleichen. Die Deutschen sollen also nicht schimpfen wenn sie griechische Schulden begleichen müssen. Hmmm, interessante Logik. Aber wie man in den Wald hineinruft so schallt es heraus. Schön wie viele neunmalkluge Sprichwörter hier zutreffen, oder? Und obwohl jeder die abgedroschenen Sprichwörter kennt ist Europa insgesamt nicht in der Lage auch nur ein Quäntchen Weisheit daraus zu beziehen.

Und – Überraschung – schon hat man eine Situation geschaffen, aus der kein Europäer und ganz sicher nicht der Euro als Sieger hervorgehen wird.

Ein Hoch also auf die Redaktion des Focus, die einen unvergleichlichen Beitrag zur Behebung der europäischen Wirtschaftskrise geleistet hat. Hochmut kommt vor dem Fall, heißt es immer. Ich hoffe nur, dass nicht nur euer Feingefühl das Polster sein wird, das euren Fall auffangen muss. Denn der Aufprall könnte dann seeeehr hart für euch werden.

Liebe Grüße aus dem neutralen Österreich…
Euer Griechenlandfan

Links

Betrüger in der Euro-Familie
Bringt uns Griechenland um unser Geld? Alles über die Staatsverschuldung und die Gefahren für den Euro: Der neue FOCUS-Titel schon jetzt auf FOCUS Online. Lesen Sie mehr dazu auf www.focus.de…
Griechischer Verband ruft zum Boykott deutscher Waren auf
In Griechenland hat ein Verbraucherverband gestern zu einem Boykott deutscher Waren aufgerufen. Der Protest richtet sich gegen ein Titelbild des Magazins Focus. Lesen Sie mehr dazu auf www.welt.de…
Deutschland hat die anderen zu Bettlern gemacht
Griechenland ist nicht nur durch eigene Schuld in die Finanzkrise geraten. Ein Gespräch mit Heiner Flassbeck Lesen Sie mehr dazu auf www.jungewelt.de…
In Griechenland kochen anti-deutsche Ressentiments hoch
Die schwere Finanzkrise sorgt jetzt auch für nationale Spannungen in der EU. In Griechenland werden verbale Attacken gegen Deutschland geritten. Lesen Sie mehr dazu auf www.salzburg.com…

3 Responses to “Finanzkrise in Griechenland”

  1. Christoph says:


    Tja, was Focus kann, kann Bild schon lange. Wer etwas über respektvolles Miteinander in einer Gemeinschaft lernen will, der möge sich doch den Artikel der Bild zu Gemüte führen, und mal reflektieren, ob das der richtige Stil ist. Die einen lassen sich was zu Schulden kommen, und damit ist frei von jeglicher moralischen und ethischen Verpflichtung, sich selbst an die Regeln guten Anstands zu halten. Sogar meine fünfjährige Tochter weiß das schon besser…

    http://www.bild.de/BILD/politi.....polis.html

  2. Venieli says:


    Vielen Dank fuer diesen SUPER Artikel. Es trifft wirklich auf den Punkt! Als seit 13 Jahren in Griechenland lebende und arbeitende Deutsche (mit einem Griechen verheiratet, der auch ARBEITET)schaeme ich mich manchmal wirklich fuer den Muell, den manche Zeitungen, Zeitschriften und sonstige Medien ueber die Griechenland-Krise hervorbringen.
    Leider hat dieses eine Negativ-Propaganda zur Folge, dass uns der Tourismus ausbleibt, weil Panik gemacht wird.
    Wenn ich manche Berichte und Kommentare lese, komme ich mir manchmal vor, als lebte ich in Afghanistan oder Thailand, wo das Auswaertige Amt Empfehlungen fuer Auslandsreisen gibt…
    Gott sei dank gibt es genuegend Griechenland-Liebhaber und -Interessierte, die trotz der Krise zu uns kommen und einfach ihren Urlaub geniessen. Damit tragen sie naemlich auch dazu bei, dass unsere Wirtschaft (und eine Haupteinnahmequelle Griechenlands ist nunmal der Tourismus) vielleicht doch nicht ganz zum erliegen kommt.

  3. Christoph says:


    Hallo Venieli!

    Ich bin gerade auf Urlaub in Griechenland, und ich kann bestätigen was du sagst: Die Leute hier arbeiten hart. Und sie sind dabei auch noch freundlich zu Touristen, eine Tugend, die ich bei uns in den österreichischen Alpen meist sogar gegenüber uns Einheimischen vermisse.

    In der eingeschworenen Campinggemeinde ist gar nichts von griechischer Urlaubsmüdigkeit zu erkennen. Hier kennen alle das wahre Griechenland, und keiner würde auf die Idee kommen, mit den langjährigen Gewohnheiten des Griechenlandurlaubs zu brechen, und wo anders hin auf Urlaub zu fahren.

    Aber leider schaut es bei den Pauschaltouristen wohl derzeit etwas anders aus. Als ich meine Fährtickets im Reisebüro geholt have, hat die Dame dort von sehr wenig Nachfrage berichtet. Nicht gut für Griechenland, und auch nicht gut für die Leute selber. Die wissen ja gar nicht was sie verpassen, wenn sie nicht nach Griechenland fahren.

    Und was ist schuld? Die Leute, die nicht gut informiert werden. Weil sich populistisches politisches Gequassel halt besser in den Medien verkauft, als Berichte über den wahren Sachverhalt.

    GRIECHENLAND, SCHÖNER GEHT’S NICHT!

    Kalispera,
    Christoph

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