"Wer nicht weiß, welchen Hafen er ansteuert, für den ist kein Wind ein günstiger." (Seneca) - Es stellt sich also die Frage, welcher Wind denn ein günstiger ist.

Beginnen wir mit einem kurzen Ausflug durch die Geschichten, die schon im Kafenio erzählt wurden. Da wäre zum einen der griechische Wind, den die meisten Sommerurlauber von griechischen Inseln in der Ägäis her kennen: der Meltemi. Das ist der oft recht starke Nordwind, der tagsüber bläst, und sich meist mit Sonnenuntergang wieder legt. Und dann hatten wir noch den Überblick über die Winde des Mittelmeeres, wovon ja der Scirocco, in Griechenland Sirkos genannt, zuweilen von Süden her wehend für unruhige See sorgt.

“Wer nicht weiß, welchen Hafen er ansteuert, für den ist kein Wind ein günstiger.” (Seneca)

SunsetJa gut, Lucius Annaeus Seneca war kein Grieche. Aber er war Philosoph, Naturforscher und Staatsmann, und er griff nur zu gerne auf geistiges Material aus dem antiken Griechenland zurück. Und darum gebührt ihm wohl zu Recht die Ehre, diesen Beitrag zu eröffnen.

Es stellt sich also die Frage, welcher Wind denn ein günstiger ist. Ein griechischer Wind sollte es auf alle Fälle sein, sonst wären wir ja hier im Kafenio fehl am Platze, und alles andere wäre ungünstig.

Was also hat es auf sich, mit dem griechischen Wind?

Beginnen wir mit einem kurzen Ausflug durch die Geschichten, die schon im Kafenio erzählt wurden. Da wäre zum einen der griechische Wind, den die meisten Sommerurlauber von griechischen Inseln in der Ägäis her kennen: der Meltemi. Das ist der oft recht starke Nordwind, der tagsüber bläst, und sich meist mit Sonnenuntergang wieder legt. Und dann hatten wir noch den Überblick über die Winde des Mittelmeeres, wovon ja der Scirocco, in Griechenland Sirkos genannt, zuweilen von Süden her wehend für unruhige See sorgt.

Windrichtungen im Antiken Griechenland

Heutzutage sagt uns ja jedes Smartphone wo denn wohl Süden und Norden zu finden sind, und ein Navigationsgerät bringt uns sowieso den eigenen Fahrkenntnissen entsprechend sicher überall hin. Aber wie war das damals, im antiken Griechenland, als Smartphones noch ein paar Jahrtausende entfernt waren, und man noch auf Reiseberichten basierend seinen Weg finden musste? Um von der ägäischen Insel A zur ägäischen Insel B zu gelangen war da schon einiges an Wissen um Klima, Wetter, Meeresströmungen und vorherrschende Winde nötig. So war es wohl eher ungeschickt, im Sommer, zu Zeiten wenn der Meltemi der vorherrschende Wind ist, von Kreta nach Richtung Norden nach Santorin zu wollen, um dann im Winter, wenn immer wieder der Scirocco bläst, wieder zurück von Santorin nach Kreta zu wollen.

Und dementsprechend wichtig muss wohl die Kunde der richtigen Wind gewesen sein. Was also haben sich die Seefahrer und Navigatoren der damaligen Zeit wohl erzählt, mehr als 3.000 Jahre bevor der erste GPS-Satellit gestartet wurde, und gut 2.000 Jahre bevor der erste magnetische Kompass gebaut wurde, und damit lange bevor jedes kleine Schulkind darauf getrimmt wurde, was denn “Norden”, “Osten”, “Westen” und “Süden” bedeutet.

Ohne diese Namen für unsere Himmelsrichtungen bleiben immer noch die vier wichtigsten Himmelsrichtungen über: nämlich die Richtung, in die die Sonne aufgeht, die, in die die Sonne untergeht, und die, in der die Sonne zu Mittag steht. Und es gibt die Richtung, wo in der Nacht der Stern ist, der sich als einziger nicht bewegt: den Polarstern. Übrigens navigierten bereits die alten Griechen nach den namentlich gleichen Sternbildern des kleinen Bären (dessen Hauptstern der Polarstern ja ist), und des großen Bären, der ja ein nicht zu übersehender Indikator ist, welcher der vielen Sterne denn mit Sicherheit der Polarstern ist.

Und so überrascht es auch nicht, dass die Griechen noch vor Beginn ihrer Hochkulturen genau diese vier Winde unterschieden haben:

  • Arktos (ἄρκtος, deutsch: Bär, vom Sternbild des großen Bären)
  • Anatole (ὰνατολή, deutsch: Sonnenaufgang)
  • Dusis (δύσις, deutsch: Sonnenuntergang)
  • Mesembria (μεσημβρία, deutsch: Mittag)

Diese Einteilung war wohl über einige Jahrhunderte gut genug, und erst Homer hat ca. 800 v. Chr. eine detailliertere Unterteilung der Winde beschrieben. Durch die geographischen Besonderheiten Griechenlands ergibt es sich nämlich, dass recht selten Winde direkt von Osten oder von Westen wehen. Durch die Verteilung der Landmassen nördlich von Griechenland und dem offenen Mittelmeer in südlicher Richtung – Landmassen erhitzen sich bekanntlich schneller als Wasser -, wehten die Dusis-Winde entweder von etwas Arktos oder von etwas Mesembria, und die Anatole-Winde ebenfalls eigentlich immer von etwas Arktos oder etwas Mesembria.

Schlaue Leute wie Homer begannen also, die durch die Sonne vorgegebenen Himmelsrichtungen zu verändern und zu erweitern, um für die Winde und damit die Navigation bessere Bezeichnungen zu erlangen. Außerdem geht die Sonne ja durch die Schräglage der Rotationsachse der Erde in Bezug auf die Erdumlaufbahn um die Sonne nicht immer genau im Osten auf, und im Westen unter. Über die Jahreszeiten hinweg verschieben sich diese Punkte ebenfalls von etwas Arktos im Sommer hin zu etwas Mesembria im Winter.

Es schien den aufgeklärten Leuten damals daher sicher genug, die Himmelsrichtungen anpassen zu können, ohne dadurch Helios – den antiken Sonnengott, der die Aufgabe hatte, den Sonnenwagen jeden Tag über das Firmament zu ziehen – zu verärgern. Die breite Masse hingegen hat diese neue Einteilung lange Zeit abgelehnt, zu groß erschien die Gefahr die Götter zu verärgern.
Heute mag man darüber schmunzeln, aber gehe doch mal einer am Besten jetzt gleich nach Rom und versuche dem Papst Kondome mit Erdbeergeschmack zu verkaufen, und berichte dann über die Hartnäckigkeit konservativer Kreise…

Homer beschrieb also zum ersten Mal die sechs neuen Windrichtungen:

  • Boreas, Nordwind
  • Eurus, Nordostwind
  • Apeliotes, Südostwind
  • Notos, Südwind
  • Argestes, Südwestwind
  • Zephyrus, Nordwestwind

Wiederum ein paar hundert Jahre später begann sich eine weitere Verfeinerung dieses Systems der Windrose durchzusetzen. Und wieder ist es ein Name, der auch heute noch sehr bekannt ist, der die ersten Aufzeichnungen darüber hinterlassen hat. Aristoteles definierte um 340 v. Chr. ein pragmatisches System, das sich an den tatsächlich erfahrenen Winden orientierte, und damit die Symmetrie auf der Kompassrose außer Acht ließ.

Aristoteles stammte aus Athen, und wohnte auch beinahe sein ganzes Leben dort. Dementsprechend machte er persönlich andere Erfahrungen mit typisch wehenden Winden, und ging wieder zurück zu den Windrichtungen aus den Haupthimmelsrichtungen Westen und Osten. Dazu fügte er die symmetrischen Windrichtungen Nordost, Südost, Südwest und Nordwest. Und aus seinen empirisch erworbenen Erfahrungen heraus definierte er noch weitere Windrichtungen aus Nordnordwest, Nordnordost und Südsüdost, die im Raum Athen ebenfalls häufig wehen. Diese Winde nannte er:

  • Aparktias (ὰπαρκτίας) oder Boreas (βoρέας), Nordwind
  • Meses (μέσης), Nordnordostwind
  • Kaikias (καικίας), Nordostwind
  • Apeliotes (ὰπηλιώτης), Ostwind
  • Euros (εΰρος) oder Euronoti (εὺρόνοtοi), Südostwind
  • Phoinikias (φοινικίας), Südsüdostwind
  • Notos (νόtος), Südwind
  • Lips (λίψ), Südwestwind
  • Zephyros (ζέφυρος), Westwind
  • Argestes (ὰργέστης) oder Olympias (όλυμπίας) oder Sciron (σκίρων), Nordwestwind
  • Thraskias (θρασκίας), Nordnordwestwind

Um das Jahr 280 v. Chr. definierte Timosthenes eine symmetrische Windrose, in der zwölf Winde festgehalten waren. Timosthenes war Admiral und oberster Navigator der Marine des Ptolemäischen Ägyptens dieser Zeit. Damit war er ein Fachmann, der sich im gesamten östlichen Mittelmeerraum bestens auskannte, und der Mann, der mit seiner Definition der Winde die erste, im Konzept noch heute verwendete, Kompassrose geschaffen hat.

Die Winde nach Timosthenes sind (von Nord 0°, über Ost 90°, Süd 180°, usw.):

  • Aparktias, Nord 0°
  • Boreas, 30°
  • Kaikias, 60°
  • Apeliotes, Ost 90°
  • Euros, 120°
  • Phoenikias oder Euronotos, 150°
  • Notos, Süd 180°
  • Leukonotos oder Libonotos, 210°
  • Lips, 240°
  • Zephyrus, West 270°
  • Argestes, 300°
  • Thraskias, 330°

Diese Einteilung der Winde hatte für viele Jahrhunderte Bestand. Auch die Römer haben dieses System direkt übernommen, und es war kein anderer als der eingangs erwähnte Lucius Annaeus Seneca, der im Jahre 65 n. Chr. dies als bereits anerkannter Philosoph und Staatsmann in einer seiner berühmten Schriften festhielt und definierte.

Um ca. 100 v. Chr. wurde in Griechenland in Athen der Turm der Winde, unmittelbar bei der Akropolis, gebaut. Der Erbauer des Turms, Andronikos von Kyrrhos, folgte den Ansichten des Eratosthenes, der die Ansicht vertrat, dass die Welt keine zwölf Windrichtungen brauchte, sondern mit acht Hauptwindrichtungen gut aus käme. Die übrigen Winde der ursprünglichen zwölf seien nur Variationen der eigentlichen acht Hauptwinde.

Da es schwer ist, dieser Argumentation etwas entgegen zu setzen, damit die völlige Symmetrie der Winde auf der Kompassrose hergestellt wird, und Andronikos von Kyrrhos die nötigen Geldgeber für sein Bauwerk fand, wurde der Turm der Winde gebaut. Jede der acht Seiten des Turms hatte neben des Namens des jeweiligen Windes ursprünglich eine Sonnenuhr eingebaut. Im Turm befand sich zudem eine Wasseruhr, die mit dem Wasser aus der nahe gelegenen Akropolis betrieben wurde.

Windrichtungen im Modernen Griechenland

Im Griechenland von heute haben natürlich ebenso wie im Rest der Welt Smartphones und Navigationsgeräte Einzug gehalten. Schiffe fahren von Dieselmotoren getrieben und GPS-gestützt mit dem Autopilot. Nichts desto trotz wissen immer noch viele Segler und andere Wassersportbegeisterte recht gut Bescheid über Winde und Windrichtungen.

Hier ein Bild mit den Namen der Winden aus allen möglichen Richtungen, gefunden auf dieser Seite. Abgebildet sind die Wind auf Kreta, mit ihren heute gebräuchlichen Namen.

Beeindruckend zu sehen, wie Namen wie Notos, Euros und andere die Jahrtausende und die Lautverschiebungen vom Altgriechischen ins Neugriechische (aus z.B. Euros wurde Efros) mitgemacht haben.

Und ebenso beeindruckend ist es, sich bei einem Glas Retsina mal darüber Gedanken zu machen, wie wohl schon der berühmte Aristoteles sich beklagt haben mag, dass der gerade so starke Notos die ganze Zeit Staub ins den Becher Wein bläst… :-)

Links

Leave a Reply

You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*


Valid XHTML 1.0 Transitional Valid CSS!